Bin ich nur ein Produkt der Generation Y?

Oder ist das Streben nach Glück ein Versagen?

Generation Y, so werden wir gerne bezeichnet, also alle Jahrgänge von 1980 aufwärts. Was zeichnet diese Generation aus? Sie legt viel Wert auf eine gute Ausbildung, der Lebenslauf wird mit diversen Praktika, Auslandsaufenthalten etc. aufgewertet, um sich abzuheben und schließlich einen der beliebten Jobs zu bekommen. Im Berufsleben angekommen, arbeitet Generation Y lieber im Team als in strengen Hierarchien. Sie möchte von Beginn an Anerkennung und Verantwortung genießen und das mit einer guten Work-Life Balance. Die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung steht im Vordergrund, die Sinnhaftigkeit ist wichtiger als Prestige; Zeit für Familie, Freunde und Hobbys sollte gegeben sein. Generation Y fordert 24 Stunden lang glücklich zu sein! Sie ist selbstbewusst und fordernd, zugleich weiß sie um die Unsicherheiten der heutigen Zeit. Sie weiß zu improvisieren und mit neuen Lebenssituationen umzugehen. Dabei wird nach dem Ich Prinzip entschieden, Vor- und Nachteile für einen selbst werden stets gut abgewogen, aus jeder Situation wird versucht das Beste für sich raus zu holen. Es ist ein Wertewandel, der stattfindet. Freude, Sinn und Selbstverwirklichung werden wichtiger als Status und Geld. 

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Doch kann man uns das vorwerfen?

Wir hatten eine behütete Kindheit, keinen Krieg, keinen Hunger und keine Sorgen. Unsere Eltern haben uns das Gefühl vermittelt, dass wir alles in unserem Leben erreichen können, dass uns alle Türen offen stehen und jeder gut so ist, wie er ist. Niemand könne uns etwas antun und wir müssten es uns auch nicht gefallen lassen, wenn uns jemand schlecht behandelt. Dass wir freie Entscheidungen für unser Leben treffen und glücklich sind, das wollten unsere Eltern für uns. Für uns ist das Internet Normalität geworden. Ein Leben ohne – unvorstellbar. Ins Ausland gehen um zu Arbeiten – alles kein Problem. Uns eröffnen sich viel mehr Möglichkeiten als allen anderen Generation davor. Existenzängste und wirkliche Sorgen haben wir nicht kennengelernt und das wird uns jetzt vorgeworfen?

Ist das Streben nach Glück und Zufriedenheit, nach einem erfüllten Leben, das nicht nur aus Arbeit und Stress besteht falsch? Sind wir wirklich Jammerlappen, die es nicht mehr gewohnt sind hart zu arbeiten? Nur weil die Generation vor uns noch für einen festen Job kämpfen musste, Überstunden geleistet hat und es nicht gewagt hat diese für sich zu beanspruchen? Ist es falsch, dass wir noch mehr wollen im Leben, als zu arbeiten? Dass wir Träume haben, die Welt sehen wollen und dass auch Väter gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten? Müssen wir genauso viel arbeiten wie Generation X, um der Gesellschaft zu entsprechen und das System am Laufen zu halten?

Ich glaube wir arbeiten zum Teil härter, als so mancher denkt. Schon in der Schule möchte jeder Abitur machen und das am liebsten mit einem 1er Schnitt. Die Plätze an der Universität sind hart umkämpft. In den Semesterferien werden Praktika gemacht, Hausarbeiten geschrieben, bereits erste Jobs in Unternehmen angenommen, um ja besser zu sein, als der Kommilitone. Hat man dann den lang ersehnten Abschluss in der Tasche für den man auf vieles verzichtet hat, steht die Frage an: Was mache ich jetzt? Die Möglichkeiten sind riesig, oft gibt es mehr, als nur einen vorgepflasterten Weg. Wir haben die Auswahl, die keiner vor uns hatte und die Unternehmen suchen gut ausgebildete Fachkräfte. Warum dann nicht auch Ansprüche stellen dürfen? Wir können nichts dafür, dass es vor 30 Jahren anders aussah auf dem Arbeitsmarkt. 

Wie oft höre ich im Krankenhaus Sätze wie „Ich habe noch ein Jahr lang für 1000 Mark im Monat arbeiten müssen und ich war froh überhaupt eine Stelle zu haben“. Heißt das für mich, ich muss dankbar dafür sein, dass ich mehr Geld verdiene? Oder muss ich mich schlecht fühlen, weil es für mich als Ärztin nicht schwer war eine Stelle zu bekommen? Wenn ich nach 24 Stunden arbeiten kaputt bin und ungern am nächsten Tag wieder 24 Stunden arbeiten möchte heißt es dann schon mal „Eure Generation kann gar nichts mehr ab, wir mussten noch 36 Stunden arbeiten.“ Bin ich also schwach, weil ich nach einem langen Dienst müde bin? Weil ich ungern 3 Wochen durcharbeiten möchte, sondern mir dazwischen einen Tag frei wünsche um auszuschlafen? Ist es nicht einfach schon damals falsch gewesen Menschen 36 Stunden lang arbeiten zu lassen und heute ist es nicht besser? Und nur weil die Ärzte damals zeitlich vielleicht noch mehr arbeiten mussten, soll ich nicht klagen dürfen? Natürlich stecken wir in einer Luxussituation, dass ich keine Existenzängste haben muss, dass ich keine Angst haben muss auf der Straße zu sitzen, wenn ich kündige. Aber ist das wirklich zu verurteilen oder spielt da nur eine Menge Frust oder vielleicht auch Neid mit rein? Hätte nicht jeder gerne diese Freiheit gehabt, Ansprüche zu stellen? Ging es manchen immer gut, wenn sie keine Zeit für ihre Kinder hatten oder kaum Schlaf gefunden haben?

Ganz abgesehen davon hat sich meiner Meinung nach das Arbeitsleben auch verändert. Ich kann nur vom Krankenhaus reden, aber die Arbeitsbelastung in 24 Stunden ist sicher höher als noch vor 30 Jahren. Patienten werden auch am Wochenende visitiert und entlassen. Die Notaufnahme hat ihre Tore 24 Stunden für jedes kleine Magengrummeln geöffnet. Patienten kommen in Massen Samstags in die Ambulanz, weil sie unter der Woche keine Zeit haben zum Arzt zu gehen. 24 Stunden Bereitschaft sind keine Bereitschaftsdienste mehr, die Klinik wird mit einem Zwei-Mann Team im Vollbetrieb aufrecht erhalten. Und als Dank hört man dann, dass man nicht mehr belastbar ist. Habe ich also versagt, als Arbeitskraft oder sogar als Mensch?

Ich denke niemand verzichtet freiwillig auf Freizeit und Familienleben, Glück und Zufriedenheit, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Dass wir das Glück haben dieses zu beanspruchen, sollte uns allen nicht übel genommen werden. Schließlich sind wir geboren um zu leben und leben nicht, um zu arbeiten. Am Ende des Tages ist es für uns wichtig, dass wir ein glückliches Leben hatten und nicht, dass wir 100 Stunden pro Woche gearbeitet haben. Darüber freuen nicht wir uns, sondern höchstens unser Chef. 

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